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Villa am See
Deutsche Kunst des 20. Jahrhunderts

Codex Morgner (2008-2016)

14 Stationen des Seins – ein Kreuzweg des 20. Jahrhunderts

Der Codex Morgner ist für den größtmöglichen Ausstellungsraum entworfen, die Natur. In einem geschlossenen Ausstellungsraum würden die 14 Werke, jedes 3x5 Meter groß, den Betrachter geradezu erschlagen, ihn nicht atmen lassen, ihn regelrecht nieder knüppeln, der Betrachter würde zur Winzigkeit, unbedeutend gegenüber der Fracht der Bilder. Ganz anders dagegen die Wirkung in der Natur, im natürlichen Raum und bei wechselndem natürlichen Licht. Unter dem Firmament wird ein Ebenmaß erreicht, zwischen 100 Jahre alten Buchen und Eichen, die einen Ausgleich schaffen und die große Fracht der Bilder einbetten. Der Betrachter wird nicht größer, er erlebt den Codex Morgner in einem größeren Zusammenhang stehend, nicht relativierend, aber eingebunden in das alltägliche Leben, kein Altar, keine Unnahbarkeit, der Codex Morgner wird zum Teil, er wird Teil unseres Seins, unseres Verständnisses und ist damit nicht das Andere, der Ausschluss, der Betrachter kann aufnehmen und annehmen was er sonst nur schwer ertragen kann. Das ist neben der künstlerischen und ästhetischen Qualität des Zyklus die große Leistung Michael Morgners.

Die 14 großformatigen Werke Michael Morgners sind in sieben verglasten doppelseitigen Rahmen installiert, jeweils zwei Werke im Dialog in einem Rahmen. Diese sind aufgestellt in der Natur, eher zufällig erscheinend angeordnet. Michael Morgner beginnt dort wo die Tradition normalerweise aufhört - der Tod am Kreuz ist nicht das Ende des Leidensweges, sondern der Anfang.

Das Christentum vollzog vor 2000 Jahren einen Paradigmenwechsel gegenüber den alten Religionen, nicht der andere wird das Opfer, sondern Jesus selbst ist es, keine Umverteilung, kein Delegieren von Schuld, kein Herausschleichen aus dem Los, aus Schicksal und Verantwortung. Die Überwindung antiker Opferkulte ist die Umkehr vom Allmachts-Gedanken zur Ohnmachts-Wirklichkeit.

Souveränität zeigt sich nicht in Allmacht, sondern in Ohnmacht. Der Sturz, die Erniedrigung, die Verspottung, der Tod führen zum Wandel, zu Mitleid, Verantwortung, Nächstenliebe, Leben und Überleben. Sieg wäre der falsche Ausdruck, dieser legt Herrschaft, Überlegenheit, Macht nahe. Ein Leben aus dem Verständnis der Schwäche und Mangelhaftigkeit des menschlichen Seins kann keinen Sieg wollen, selbst dann nicht, wenn es sich durchsetzt.

In den Zeiten der zur Massenkultur gewordenen einfachen, schmerzfreien und leidensfreien Selbsterlösung, Selbstbefreiung, ist das eine unpopuläre Botschaft. Es ist zu einer Zwangsvorstellung der Moderne geworden, Selbsterlösung einfach tun zu können. Versuche des Menschen, sich mittels gesellschaftlicher Systeme, Ideologien zu befreien, führten zu Krieg, Elend, Gulag, Auschwitz, Hiroshima ….

Demgegenüber endet auch die individuelle Erlösung zumeist im alltäglichen Irrsinn der Optimierung und Selbstoptimierung und endet letztlich in Unmenschlichkeit und Unzufriedenheit.

Die Idee des Kreuzweges ist radikal unzeitgemäß, befreit aber von den Zwecken und Zwängen, denen wir uns meinen unterwerfen zu müssen.

Michael Morgner knüpft an diesen Paradigmenwechsel an, er geht den Weg weiter, über das Ereignis der Kreuzigung in unserer Zeit, beginnt mit der größten individuellen Grausamkeit der Folterung und Tötung des einzelnen Menschen, auf der Rückseite, im Dialog, zeigt er den Massenmord aus unseliger Gesinnung und Verachtung, die schwärzeste, schuldigste, beladenste menschliche Tat, unvorstellbar in Größe, Barbarei und Unmenschlichkeit. Zahlen geben keine Auskunft für das Leid, messen kann man es nicht, würde man es voll und ganz begreifen, wäre der Mensch verloren fürs Leben.

Morgner steht auf der Seite der Geschundenen, der Verdammten dieser Erde gibt den Opfern ein Dagewesensein und belässt sie in unserer Mitte. Morgners Werk verfolgt das Unglaubliche, es zeigt Positionen auf und hilft dem Betrachter bei der Suche nach dem Selbst in schwieriger Zeit.

Er weiß sehr wohl, das Leben sehnt sich nach Welt und nicht nach Warnungen, er macht deutlich, das ist auch deine Welt. Die Bilder verschließen sich vor der Lüge, vor dem Vergessen, ohne moralisch wirken zu wollen. Sie suchen in aller Stille immer wieder ein Du, ein nimm mich mit, ich gehöre zu dir, sie drängen sich jedoch nicht auf. Wessen Seele für den Funken der Bilder nicht bereit ist, bei dem entfalten die Bilder kein Feuer, allen anderen sind sie ein Codex an Haltung und Humanität über alle Moden und Zeiten hinweg, bei allem Geheimnis, ein Wissen für immer, über die Erkenntnis des Tages hinaus, das ist ganz in Michael Morgners Sinn und nebenbei das Zeichen eines Kunstwerkes.

Was Erinnerung ist, das ist das Bleibende.

Codex Morgner
Michael Morgner Michael Morgner Michael Morgner
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